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"Heike schob die Plastikführung nach unten und den roten Rahmen um die erste Zahl der neuen Reihe des Dreimonatskalenders, wie sie es an jedem Montag tat. Sie war stets die Erste im Büro, das unweit des Kurfürstendamms in der City West lag, in einer dieser Straßen, in denen blankpolierte Kanzleischilder neben Hauseingängen glänzten, tagsüber in der Sonne, nach Einbruch der Dunkelheit im Schein der rot blinkenden Neonröhren der angrenzenden Bars, die mit gespreizten Frauenbeinen um Kundschaft warben und deren geöffnete Türen Heike den Atem der vergangenen Nacht ins Gesicht hauchten, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit an ihnen vorüberkam. Eine perfekte Symbiose; Geschäfte und Gespielinnen, Consulting und Kondome, Bank- und Beischlafgesellschaften. Heike wusste nicht, warum ihr solche Dinge in den Sinn kamen, doch sie fragte sich immer wieder, was sie dort verloren hatte ..."

So beginnt die Erzählung Ende der Schonfrist, in der eine junge Frau vergeblich versucht, den monotonen Alltag als Auszubildende in einer Rechtsanwaltskanzlei zu ertragen. Sie flüchtet sich in Träumereien um ihre erste schwärmerische Liebe, aber was ihre Finger in die Tastatur des Computers tippen sollen, geht ihr genauso gegen den Strich wie die Hackordnung ininnerhalb der Bürogemeinschaft, an deren Ende sie steht. Und dann geschieht, was das Fass zum Überlaufen bringt ...

Wie es weitergeht, ist nachzulesen in der Anthologie fein und gemein – Rachegeschichten, die 2008 im Verlag Krug & Schadenberg erschienen ist.

 

 

"Sie fragen mich, warum ich es getan habe nach all den Jahren und so kurz vor der Rente? Ich weiß, Ihre Zeit dort im Richter­stuhl ist knapp bemessen, und die nächsten Parteien warten schon vor der Tür. Wenn es Sie aber wirklich interessiert, wie es dazu kam, werde ich es Ihnen erklären. Doch dafür muss ich weit ausholen.
Im Grunde begann es schon, als ich geboren wurde, am 6. August 1945. Meine Mutter lag in den Wehen, als sie hörte, dass ein pflichtschuldiger Amerikaner mit einem
Little Boy an Bord über den Pazifik geflogen war und ihn über Japan aus seiner Maschine geworfen hatte. Sie regte sich sehr darüber auf, was ihre und meine Lage im Kreißsaal nicht gerade vereinfachte und den Vorgang der Entbindung erheblich in die Länge zog. Letztlich ging aber alles gut an jenem Tag, jeden­falls für uns beide. Ich kam gesund zur Welt, und während ich aufwuchs, lernte ich, die Menschen in zwei Kategorien zu unterteilen: Die einen sahen mich mitfühlend an, wann immer ich die Frage nach mei­nem Geburtsdatum beantwortete; die anderen blieben ausdruckslos, nickten und notierten es ohne jede Regung im Gesicht ..."

Die Kurzgeschichte Little Boy war mein Beitrag zum Wettbewerb des 6. Autorinnenforums 2007, der das Christa-Wolf-Zitat „Dünn ist die Decke der Zivilisation“ zum Thema hatte. Sie wurde mit dem 3.Preis ausgezeichnet und ist nachzulesen in: Dünn ist die Decke der Zivilisation – Begegnungen zwischen Schriftstellerinnen, herausgegeben von Maike Stein und der Autorinnenvereinigung im Ulrike Helmer Verlag, 2007. 

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